Erfahrungsbericht zum Fach Rhetorik 02
Premiere:
Im Schuljahr 2024/2025 wurde das erste Mal ein Rhetorikkurs an der Europaschule Gymnasium Teterow (EGT) angeboten. Im Rahmen des Ganztagsschulangebots wählen sich die Schüler/innen aus einem buntgefächerten Angebot mindestens einen Nachmittagskurs für das gesamte Schuljahr aus: 5 Jugendliche der Klassenstufe 9 haben sich für den Rhetorikkurs entschieden und immer donnerstags von 14.15 bis 15.45 Uhr an ihren rhetorischen Fähigkeiten gearbeitet.
Insgesamt haben wir 5 Module je 4 Doppelstunden zu den Themen Sprechbildung und Feedback, Gesprächsführung, Präsentieren, Vortragen und Argumentieren bearbeitet. Außerdem konnten wir uns auch noch in 2 Doppelstunden dem Zusatzmodul „Ran ans Mikro“ widmen (Abb. 1). Die zeitlichen und thematischen Rahmenbedingungen für das offizielle DGSS-Intensiv-Rhetorikzertifikat waren dadurch erfüllt. Somit konnten alle fünf Schüler/innen das anerkannte DGSS-Zertifikat am Tag der Zeugnisvergabe erhalten.
Herzlichen Glückwunsch!
Module 1 bis 5, plus Zusatzmodul 6
1. Modulplan (Inhalte): Oktober 2024 bis Juni 2025
2. Feedback der Schüler/innen
3. Fotoprotokoll und Impressionen
Modul 1: Sprechbildung, Wirkungsebenen und Feedbackbereiche
Resonanzerfahrungen mit Luftballons:
Bis zu welchem Luftballon kann man das Summen noch spüren?
Modul 3: Präsentation und Visualisierungsprinzipien
Brainstorming mit Mindmaps
Modul 4: Redeplanung und Umgang mit Lampenfieber
Stress- und Wohlfühverhalten beschreiben
Strategien zum Umgang mit Lampenfieber
Redeplanung: Einstieg und Schlussgestalten
Modul 5: Argumentation und Abwägen von Vor- und Nachteilen
Soll der Schultag verkürzt werden?
Pro- und Kontra-Argumente auf der Argumentationswippe (Arbeitsblatt und Tafelbild)
4. Resümee der Dozentin
Hier beantworte ich gern die Fragen, die ich von der AG DGSS-Rhetorikzertifikat erhalten habe.
- Welche Entwicklung hast Du bei den Schüler/inne/n während des Kurses beobachtet?
Es ist fantastisch zu erleben, welchen guten, natürlichen Zugang Jugendliche der 9. Klasse zu Gesprächen und den gemeinsamen Austausch haben. Die Entwicklung dahingehend zu begleiten, dass sie nun für ihr bereits vorhandenes, gutes Gespür ein „Vokabular“ erhalten und dieses selbstbewusst und sicher nutzen können, um weiter zu wachsen und an eigenen Rhetorikkompetenzen zu arbeiten, ist wunderbar.
- Welche inhaltlichen Schwerpunkte hast Du im Kurs gesetzt – und warum genau diese?
Meine Schwerpunkte waren die „Klassiker“: Feedback und Vortragen, Gespräche und Argumentation. Besonderes Augenmerk lag bei mir auf dem Modul „Basics – Sprich einfach“ mit den Themen Wahrnehmung und Beschreibung sprechstilistischer Mittel. Beim Modul „Gespräche“ war mir wichtig, es gleich an die zweite Stelle des Ablaufplans zu setzen, um das Gesprächshafte und die Perspektive von Zuhörenden auch direkt für die Gestaltung von Postern und die Planung von Vorträgen nutzen zu können. Das Extra-Modul „Präsentation“ habe ich gewählt, weil hier die Themen Strukturierung, Arbeit mit dialogorientierten Mindmaps (nach Bertram Thiel) und allgemeine rhetorische Gestaltungsprinzipien im wahrsten Sinne des Wortes plastisch werden. Das Zusatzmodul „Mediensprechen“ ist ideal, um mit den Jugendlichen Transferaufgaben zu bearbeiten, zu wiederholen, zu festigen und zu reflektieren.
Zwischenfazit: Vereinfachung und Reduktion braucht eine sehr breite Basis aus Grund-, Fach- und Methodenwissen. Es benötigt viel Erfahrung, um aus der Fülle an Material und Inhalten Passendes, Nötiges und Ansprechendes auszuwählen. Wenn die Grundprinzipien für wertungsfreies Feedback rechtzeitig geteilt und verinnerlicht wurden, können sich auch die Schüler/innen dazu äußern und das gemeinsame Besprechen auf Meta-Ebene wird das allgemeine Kursgeschehen enorm bereichern.
- Was war Dein persönliches Highlight im Kurs mit den Schüler/innen?
Neben dem Ertasten von Resonanz im Modul 1 (s. oben) gab es mehrere Situationen, die mich besonders gefreut haben. Mein absolutes Highlight war aber eine eigentlich kleine, stille Übung: Am Ende des Argumentationsmoduls (Modul 5) habe als Einstieg in den Unterricht eine lockere Sprech-Denk-Übung „Rhetorikwerkzeuge“ gewählt (s. Endres/Küffner 2008, Rhetorik und Präsentation in der Sekundarstufe I, Beltz): Auf kleinen Zettelchen waren Zeichnungen verschiedener real vorkommender Werkzeuge im Cartoon-Stil. Die Schüler/innen hatten die Aufgabe, einen Zettel zu ziehen und nach einer kurzen Bedenk-Phase zu beantworten, was das gezeigte Werkzeug mit Rhetorik zu tun hat. Hier eine kleine Auswahl der grandiosen Assoziationen der Jugendlichen:
- Was macht das DGSS-Rhetorikzertifikat für Schüler/innen für Dich als Dozentin/Trainerin besonders?
Als Sprech- und Rhetoriktrainerin arbeite v.a. mit Erwachsenen (von Studierenden im 1. Semester an der Universität bis hin zu Angestellten im letzten Drittel des Arbeitslebens). Mit Jugendlichen an genau den gleichen Themen wie in den Erwachsenenkursen zu arbeiten, ist spannend, weil ihr Blick unverbaut und pur ist. Die rhetorische Erfahrung der Jugendlichen geht vielleicht noch nicht weit zurück, aber sie geht tief und ist prägend. Wenn das DGSS-Rhetorikzertifikat einen Beitrag dazu leisten kann, dass sich Jugendliche früh ihrer eigenen Kommunikationsbiografie bewusstwerden, sich im Mündlichen frei und sicher fühlen und dass sie lernen, wie sie kommunikativ kompetent handeln können, ist dies nicht nur ein Erfolg für die/den Einzelnen, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn. Rhetorische Bildung ist Grundbildung.
- Welche Botschaft würdest Du anderen Sprecherzieher/inne/n bzw. Sprechwissenschaftler/inne/n oder Interessierten mitgeben, die auch einen solchen Kurs anbieten möchten?
Macht es! Nehmt Kontakt zu Schulen in eurer Nachbarschaft auf. Teilt euer Wissen. Rhetorisches Wissen ist goldwert (Deshalb: Bietet die Kurse nicht kostenlos an. Besprecht mit den Schulen eine Schutzgebühr für das Ausstellen der Zertifikate und denkt auch an ein angemessenes Honorar). Macht Jugendlichen Lust auf die Auseinandersetzung mit mündlicher Kommunikation. Gebt auf Grundlage eurer Erfahrung die Kenntnisse zum angemessenen Einsatz rhetorischer Mittel und sog. „Tools“ an Schülerinnen und Schülern weiter. Es geht nicht um Perfektion, sondern um das (Selbst)Bewusstsein im rhetorischen Wirken mit und vor anderen Menschen und um den Zuwachs an Sicherheit durch regelmäßiges Tun und Freude am mündlichen Austausch.
Ein großes Dankeschön an die AG DGSS-Rhetorikzertifikat – Norvisi Stanić & Debora Diehl – für alle Informationen und eure Ansprechbarkeit rund ums Thema!
Vielen Dank an die EGT und ihre Ganztagskoordinatorin Mona Päsler für das Anbieten des Rhetorikkurses und die großartige Organisation!
Herzlichen Dank an die Schüler/innen des ersten Durchgangs des Rhetorikkurses für ihr Interesse und ihre Beteiligung!