Wer nicht zu den "Meistersingern" zurück will – was Hans Martin Ritter kenntnisreich und mit dezenter Ironie kommentiert hat (DGSS @ktuell 3/2009), offensichtlich unterstellend, dass die Zeit der Meistersinger in der Sprechzunft weit zurückliege – ist eingeladen, mit dem von A. U. Nebert und B. Neuber hergestellten Zusammenhang "stimmlich-sprecherischer und künstlerischer Leistungen" (DGSS @ktuell 1/2009) nach seinem/ihrem Grundverständnis des Faches zu fragen.
Die Frage kann mit dem ersten Satz jenes Aufsatzes beginnen: "Sprechen ist u. a. ein physiologischer Prozess." Das "u. a." ('unter' mit Dativ) wird wohl bedeuten: "inmitten oder zwischen anderem". Was auch immer dieses 'andere' ist, verblüffend bleibt zunächst, dass angenommen scheint, es bestehe eine Verbindung vom erwähnten Physiologischen nicht nur zu den "sprecherisch-stimmlichen", sondern auch zu "künstlerischen Leistungen"; gemeint sind wahrscheinlich nur 'sprech'-künstlerische Leistungen. Gibt es denn keine Kriterien zur "Beurteilung und Bewertung" auch der "anderen" Grundlagen? Genannt werden hier "psychosoziale, kognitive, voluntative, emotionale" oder bei E. M. Krech (2003) "personale, soziale, situative, kulturelle, historische"; abgesehen davon, dass mit L. Anders (2008) zwischen Sprech- und Sprecherstimme zu unterscheiden wäre.
Grundsätzlich bleibt jedoch zu fragen, ob es überhaupt möglich ist, "Sprechen als Phonationsvorgang" zu betrachten, weil Phonationsvorgänge ohne Sprachbezug, ohne semantische Ladung, ohne Hirnsteuerung nicht "sprechen" sind, sondern hörbare Schallereignisse – wie rülpsen, gähnen, schnarchen, lachen, weinen –, die in demselben Apparat erzeugt werden. Nur metaphorisch gilt: "auch der Papagei spricht" (H. Ammann 1925), oder: in unseren 'Primaten'gruppen der – wie Platon einmal spottete – 'aufrecht gehenden nackten Zweibeiner' ersetzt 'sprechen' das Fellkraulen. Da aber Sprache nicht Sprache ist, "wenn sie nicht zugleich etwas bezeichnet, wenn sie nicht Denken ist ... (gehört) zu den Sprechwerkzeugen auch das Gehirn." (F. Mauthner 1906!) Das mag generell, aber auch im Fall der Sprechkunst erklären, warum es sich ohne 'Hirnbezug' allenfalls um bedeutungsloses 'Schallen' handelt, vielleicht um das Lallen Alkoholisierter oder Mikroenzephaler, oder um das Brüllen uniformierter Schlägertrupps.
Ist es nicht eine geistlose Vorstellung, aus der Muskelspannung auf die kommunikative Wirkung zu schließen, z. B. aus der "Mittelkörperspannung" auf die Überzeugung und Überzeugungsfàhigkeit des Redenden? (vgl. H.G. 1998: "Über den Brustton der Überzeugung. Zur Sozialkritik des Imponiergehabes.") Ist es nicht unglaublich, dass solch biologistischer 'Mummenschanz' die NS-Zeit überdauert hat? Sind das nicht letztlich immer noch die unglaublichen Folgen der Drachschen Mär vom "einheitlich geschlossenen Stufenbau aufwärts: hygienische Sprechtechnik heißt die unterste Stufe, sinnvolles Wortgestalten die nächste, freie Rede und freier Vortrag die höchste, deren jede auf der vorausliegenden sich aufbaut." (E. Drach 1922, 4)
Geändert hat sich wenig, auch wenn die 'hygienische Sprechtechnik' seit längerem "Sprechbildung" genannt wird – eine Mischung von aus der Medizin, vor allem der Phoniatrie, auch der Phonetik entlehnten ASL-Übungen zur Hygiene und eher historisch zufälligen Schönheitsidealen für Lautung und Klang genügend – die keineswegs generell erforderlich ist, allenfalls zum Erreichen spezieller Berufsziele, z.B. Deutsch für Ausländer, Sprach-, Sprechtherapie. Es verwundert dann kaum noch, wenn geglaubt wird, der sprech-physiologische Prozess lasse sich additiv zu sprech-künstlerischer Leistung "aufstufen" (erst Laute, dann Wörter, danach Sätze, schließlich: Gedichte). Verwunderlich bleibt jedoch, dass dies die Auffassung einer Wissenschaft sein soll, die sich Sprech-Wissenschaft nennt, einmal angenommen, ihr Wissenschaftsverständnis gründe nicht in der Physiologie, sondern in der Kommunikation vergesellschafteter Menschen.
Mag sein, dass wie in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Koppelung von Theorie an Praxis (nicht: von Praxis an Theorie oder: von Theorie und Praxis) derlei Absonderlichkeiten gefördert hat; denn das mag auch erklären, dass sich keine unabhängige Sprechwissenschaft entwickelt hat, sondern eine, die noch immer besonders die schulpraktische Anwendung für unverzichtbar hält. (so B. Neuber, 2003: "Bis heute gehört das Kriterium der 'Anwendungsorientiertheit' zu den unumstrittenen Grundsätzen sprechwissenschaftlicher Arbeit [...] insbesondere der Sprecherziehung"; auch E. Stock 2006 für die "hallesche Sprechwissenschaft") Dieses Fachverständnis hat u. a. zur Folge, dass im Unterschied zu den USA in Deutschland kaum jemand Sprech-Wissenschaft studiert, ohne eine Qualifikation für Sprecherziehung erwerben zu wollen; bzw. umgekehrt, dass das Studium orientiert ist nicht an spezifischen Gegenständen eines eigenen Wissenschaftsfeldes, sondern an der Verwertbarkeit in einer Sprecherziehung.
Wahrlich, es gibt im Feld der humanen Kommunikation genügend Gegenstände, die erforscht und studiert werden könnten ohne 'Sprech-Physiologie', ohne pädagogische Verwertbarkeit: Person- und Rollentheorie, Situationstypik, alle Strukturanalysen der ökonomischen und politischen Institutionen, Formen und Funktionen der unmittelbaren und medienvermittelten, rhetorischen und ästhetischen Kommunikation, Altar, Podium und Bühne, in 'Geschichte und Gegenwart' usw. Derlei Untersuchungen blieben nicht ohne Konsequenzen für eine entsprechend veränderte Kommunikationspädagogik; vielleicht bliebe dann sogar die Sprecherziehung nicht noch einmal "80 Jahre draußen vor der Schule" (K.L. Naumann 2004). Noch einmal: Gäbe es im Feld der multimodalen, humanen Kommunikation eine Wissenschaft, die diesen Namen verdient, dann gäbe es auch verschiedene Zugänge zu verschiedenen Praxisfeldern, nicht nur pädagogische für Schulen und berufliche Erwachsenenbildung.
Wer Musikwissenschaft studiert, will nicht Klavierlehrerin werden; wer Kunstwissenschaft studiert, nicht Zeichenlehrer. Dafür wurden im Gefolge der Kunsterziehertage (vor dem ersten Weltkrieg) spezielle Kunst-Hochschulen eingerichtet, nicht jedoch für den Umgang mit Dichtung und eine Lehre vom Sprechen. Das könnte dazu geführt haben, dass "Sprechkunst sich verstünde als eine Art 'Hilfskunst' der Literaturwissenschaft" (H. M. Ritter) und die Sprecherziehung als eine 'Hilfskraft' der Deutschdidaktik. Dies ist eine weitere Folge der Versuche, das Fach (ohne ästhetische Theorie) an die Schulpraxis zu binden, d. h. Sprechkunst auf das Sprechen oder Vortragen von Dichtung einzuschränken.
Dabei gibt es viele 'Sprech'-Künstler/innen, die sich nicht um Dichtung kümmern; z.B. "Stimmakrobaten, Schnell-, Rückwärts-, Oberton-sprecher/innen, Bauchredner/innen, Jodler/innen, Clowns, viele Kabarettist/innen, manche Dolmetscher/innen, ob es um Sinn geht oder um Unsinn." (H. G. 2000). Handelt es sich aber um das "künstlerische Sprechen von Kunst", dann gilt es mit Hilfe der hochentwickelten Schallproduktion (genannt 'sprechen') Werke der Wortkunst zu Gehör zu bringen. Das verführte einige Sprechlehrer dazu, diesen Prozess nach 'richtig' und 'falsch' zu beurteilen und eine Messbarkeit suggerierende Note zu erfinden: "Richtigkeitsbreite." Fatale Konsequenz dieser Phantasie war es (ist es noch?), mit Hilfe der Imitation von Muskelspannungen (Rutztypen 1911ff.) zu einer psychosomatischen Identifikation mit einem Autor zu gelangen, gleichsam ein "Bauchredner des Autors" zu werden. Thomas Kopfermann hat versucht, mit "Wider die 'Bauchredner des Autors'"(2008) diesem Spuk ein Ende zu bereiten.
Dabei hätte eine umfassende Kenntnis der Poetologie diese aberwitzige Phantasie erst gar nicht aufkommen lassen, schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, nicht erst Computerdichtung, konkrete, speziell 'phonische Poesie'. Da wird deutlich, dass es nicht einmal eine 'physiologische Richtigkeitsbreite' gibt, es sei denn, eine 'Jury' riskierte die stimmliche Kastration des Ausdrucks. Aufstufung der Physiologie führt nicht zum Dichtungsprechen, zu keiner Kunst. Vor allem aber ist die Einschränkung auf die 'Sprech-' oder Vortragskunst geschuldet der eifrig, ja eifersüchtig gehüteten Grenze zum Theater. (vgl. dazu die Arbeiten von H. M. Ritter, zuletzt 2004)
Wenn in jüngster Zeit "Erlebnistiefe" als Beurteilungskriterium genannt wird, dann ist auf jeden Fall nichts mehr zu 'benoten', schon gar kein richtig-falsch, weder auf Seiten der Sprechenden noch auf Seiten der Beurteilenden. Wer maßte sich an, Erlebnis zu beurteilen, zu bewerten, 'echt' oder 'unecht', 'seicht' oder 'ergriffen' nach einem Kriterienkatalog einzuschätzen? Wer denn wähnt "Herr im eigenen Hause" (Freud) zu sein, im Haus der eigenen Erlebnisse?
Die geometrische Achsendrehung aus der 'Breite' in die 'Tiefe' kann jedoch noch immer Messbarkeit suggerieren. Die Vorstellung 'breit' verbindet sich mit Horizontalem, z.B. Fläche, 'tief' dagegen mit Vertikalem, z.B. Schlucht; im übertragenen Sinn: oberflächlich vs. tiefsinnig. Allerdings ist das nicht mehr messbar, wie immer, wenn es um Denken oder um erdachtes Erleben geht, wie in der Dichtung. Das steht schon in "Das Erlebnis und die Dichtung" (W. Dilthey 1905), also am Anfang der neueren Verstehenstheorie. Doch mit dem Unterschied vom Messen und Verstehen kommen wissenschaftstheoretische Probleme in Sicht, an die die Kollegen Nebert und Neuber an dieser Stelle bestimmt nicht rühren wollten, wenngleich sie es implizit mit dem Erwähnen von Sprechdenken und Hörverstehen längst getan haben.
Gründete sich die Wissenschaft vom Sprechen – um diese obsolete Idee noch einmal zu erwähnen – in einer Logos-Theorie, dann wäre mit Rudolf Bultmann dringend eine Entmythologisierung nötig. Wollte aber diese Wissenschaft sich verstehen als auf subkutane Weise in der westlichen Kultur verankert, dann wäre mit Max Weber eine Entzauberung nötig. Da sie aber – zumal gekoppelt an eine Sprech-Erziehung – an dem unseligen Stufenbau festhält, ist nichts dringender nötig als eine Entrümpelung.
Literatur (in der Reihenfolge des Vorkommens im Text):
Krech, E.-M., 2003: Was ist sprechkünstlerische Kommunikation?; in: Anders/Hirschfeld (Hrsg.) Sprechsprachliche Kommunikation. Frankfurt/M. 183-192
Anders, L. Chr., 2008: Die Sprecherstimme – Natürliches und Künstliches; in: H. K. Geißner (Hrsg) Das Phänomen Stimme. Natürliche Veranlagung oder kulturelle Formung. St. Ingbert 155-165
Ammann, H., 1925: Die Menschliche Rede. 2 Bde., NDR 1962 Darmstadt
Mauthner, F., 1905: Die Sprache. Frankfurt/M.
Geißner, H. K., 1998: Über den Brustton der Überzeugung. ndash; Zur Sozialkritik des Imponiergehabes; in: Gundermann, H. (Hrsg.) Die Ausdruckswelt der Stimme. Heidelberg 102-108
Drach, E., 1922: Sprecherziehung. Frankfurt/M.
Neuber, B. (unter MA v, A. Biege, I. Bose u. E. Stock) 2003: Gedanken über den Gegenstand der Sprechwissenschaft; in: Krech/Stock (Hrsg.) Gegenstandsauffassung und aktuelle phonetische Forschungen der halleschen Sprechwissenschaft. Frankfurt/M. 11-22
Stock, E., 2006: Dynamik der halleschen Sprechwissenschaft; in: Hirschfeld/Anders (Hrsg.) Probleme und Perspektiven sprechwissenschaftlicher Arbeit. Frankfurt/M 9-24
Naumann, K.-L., 2004: Seit über 80 Jahren steht die Sprecherziehung vor dem Schultor. Warum ist die Schwelle so hoch?; in: Gutenberg, N. (Hrsg.) Sprechwissenschaft und Schule. München 37-46
Geißner, H. K., 2000: Kommunikationspädagogik &nadash; Transformationen der "Sprech"-Erziehung. St. Ingbert
Rutz, O., 1922: Typen-Stimmbildung.Leipzig
Kopfermann, Th., 2008: "Lies, damit ich ihn selbst höre" – Schriften zur Kommunikationspädagogik. St. Ingbert 157-166
Dilthey, W., 1905: Das Erlebnis und die Dichtung. Göttingen
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