DGSS @ktuell 4/2008
Sonderausgabe August 2008  


Der Beitrag der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS)zur Qualitätsverbesserungvon Lehre und Studium >>
Stellungnahme zum Gutachten "Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium" des Wissenschaftsrats vom 04.07.2008
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Der Beitrag der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium
  
Stellungnahme zum Gutachten "Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium" des Wissenschaftsrats vom 04.07.2008

In der zweiten Julihälfte haben die 1. Vorsitzende der DGSS, Dr. Marita Pabst-Weinschenk, und die Vorsitzende der Wissenschaftskommission des DGSS-Beirats, Prof. Dr. Christa Heilmann, diese Stellungnahme verfasst und am 29. Juli dem Wissenschafsrat übersandt. Der Wissenschaftsrat berät die Bundesregierung und die Regierungen der Länder in Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung.
Bitte beachten Sie: Im Gegensatz zu dieser Online-Ausgabe der DGSS @ktuell 4/2008 enthält die PDF-Version eine tabellarische Übersicht über die bereits im Jahr 2004 aufgestellten "DGSS-Bildungsstandards Mündliche Kommunikation".


Die Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung (DGSS) e. V. begrüßt die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium.

Der vom Wissenschaftsrat vertretene systemische Ansatz bietet realistische Chancen zur systematischen und nachhaltigen Qualitätsentwicklung von Lehre und Studium. Qualität lässt sich nur mehrdimensional verstehen undverbessern: Alle in die Lehre involvierten Beteiligten müssen genauso wie die institutionellen Rahmenbedingungen und staatlichen Finanzierungs- und Steuerungsstrategien berücksichtigt werden.

Unbestritten ist die Zielrichtung, die Qualtität von Lehre und Studiumerkennbar zu verbessern und Studienplatzkapazitäten auszubauen, ohne die Forschungsfähigkeit der Hochschulen einzuschränken. Das kann nur gelingen, wenn alle Ressourcen effizient genutzt werden und es gelingt, eine die Lehre anerkennende Hochschulkultur zu etablieren, in der Forschungsund Lehrleistungen gleichermaßen zur Reputation beitragen.

Die vom Wissenschaftsrat geforderte qualitätsorientierte Finanzierung ist dringend notwendig und sinnvoll, wenn die deutschen Hochschulen bedarfsgerecht und international konkurrenzfähig sein wollen. Eine angemessene Infrastruktur ist Voraussetzung für qualitativ hochstehende Lehrleistungen. Neben der Ausstattung mit den notwendigen Sachmitteln ist aber insbesondere die personelle Situation wesentlich zu verbessern. Denn mit der Einführung der gestuften Studienstrukturen ist der Bedarf an intensiver Beratung und Betreuung der Studierenden enorm gestiegen. Das berichten einstimmig auch alle in der Hochschullehre tätigen Mitglieder der DGSS. Investitionen in die Verbesserung der Betreuung und der Betreuungsrelationen von Studierenden zu Lehrenden schaffen die Grundvoraussetzung für eine Qualitätsverbesserung in der Lehre. Und auch die angestrebten Verbesserungen der Lehrleistungen durch weitere Personalmittel für Tutorien, Studienberaterinnen und -berater sowie den Aufbau von Fachzentren für die Hochschullehre und die Fortbildung und Qualifizierung des Lehrpersonals sind nach unserer Erfahrung dringend erforderlich. Die Ausführungen des Wissenschaftsrates in diesen Punkten sind daher nachdrücklich zu unterstützen.

Insgesamt tragen nur kontinuierlich und verlässlich zur Verfügung gestellte Mittel zur Erhöhung der Studienerfolgsquote bei (weniger Studienabbrüche, kürzere und intensivere Studiendauer, mehr Kompetenzgewinn etc.).

Grundsätzlich stehen die Studierenden mit ihrem Lernen im Fokus aller Anstrengungen in der Hochschullehre. Um Studierende in ihrem Lernen zu unterstützen, selbstorganisiertes Lernen zu fördern und Eigeninitiative und Eigenverantwortung zu stärken, müssen die herkömmlichen frontal ausgerichteten Massenveranstaltungen überwunden und neue Veranstaltungsformen, die aktives Lernen unterstützen, gefördert werden. Dabei sollten fachliche und überfachliche Kompetenzen gezielt berücksichtigt werden. Der vom Wissenschaftsrat angedachte Paradigmenwechsel vom Lehren zum Lernen findet die deutliche Unterstützung der DGSS.

In diesem Zusammenhang möchte die DGSS auf die von ihr beschriebenen Bildungsstandards im Bereich der Mündlichen Kommunikation hinweisen. Schon 2003 anlässlich der Beratungen über die Bildungsstandards für den Mittleren Bildungsabschluss der Kultusministerkonferenz haben wir von der DGSS umfassend von der Vorschule bis zum Studienabschluss Standards formuliert, die den altersgemäßen Lernvoraussetzungen, institutionellen Möglichkeiten und kommunikativen Bedürfnissen Rechnung tragen (s. Tabelle im Anhang der PDF-Fassund dieser DGSS @aktuell-Ausgabe, S. 6-8. Vgl. Pabst-Weinschenk, Marita (2004): Bildungsstandards in Mündlicher Kommunikation. In: Gutenberg, N. (Hg.): Sprechwissenschaft und Schule. München: Reinhardt (= Sprache und Sprechen Bd. 42), S. 172-180; Vorabdruck in: Mitteilungen der DGSS 1/2003,S. 43ff.).

Im Mittelpunkt aller Bemühungen um die Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium stehen die Studierenden. Dazu gehört auch eine kontinuierliche Lehrevaluation. Der Appell an die Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit der Studierenden muss von Seiten der Lehrenden mit verstärkten Aktivitäten in der Lehr- und Lernforschung und einer Professionalisierung ihrer eigenen Lehrkompetenz begleitet werden. Denn nur so können die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass zukünftig Berufungsverfahren konsequenter an den Nachweis von Lehrkompetenz gebunden werden.

Im Detail möchte die DGSS drei Maßnahmen anregen, die genau zu den vom Wissenschaftsrat aufgestellten Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium beitragen:
  1. Einrichtung von Sprechberatungsstellen an allen Hochschulen: In DGSS-Beratungsstellen können Studierende gezielt Feedback zu ihren mündlichen Leistungen erhalten. Sie werden über Kommunikationsstrukturen an der Hochschule beraten und erhalten fachlich qualifizierte Hinweise zur Verbesserung und systematischen Erweiterung ihrer mündlicher Kompetenzen, insbesondere der mündlichen Präsentationsfähigkeit und der Befähigung zur Gesprächsführung in Teams und Arbeitsgruppen. Dieses Beratungsangebot richtet sich vor allem an die Studierenden. Genauso wie es inzwischen an den meisten Hochschulen Schreibberatungen für Studierende gibt, sollte es solche Sprechberatungen geben. Denn Schreib- und Sprechkompetenzen sind die Schlüsselqualifikationen, die den Studierenden überhaupt nur aktives, selbstorganisiertes Lernen ermöglichen. Die Sprechberatungsstellen könnten in Kooperation mit Modulen zu fachübergreifenden Kompetenzen, in denen die "Schlüsselkompetenz Mündlichkeit" einen zentralen Stellenwert inne hat, organisiert werden.

  2. Lehrkompetenz steigern mit dem DGSS-Rhetorik-Zertifikat für Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer. Die DGSS entwickelt für alle Hochschulen/Universitäten ein DGSS-Rhetorik-Zertifikat im Sinne eines zertifizierten Qualitätsmanagements. Dieses Zertifikat ist standardisiert und kann deutschlandweit durch Sprechwissenschaftler/Sprecherzieher angeboten werden. In einer mindestens fünftägigen Weiterbildungsmaßnahme erproben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Kleingruppen (max. 12 Tn) ihre rhetorischen Fähigkeiten, die neben der Fachkompetenz eine wesentliche Grundlage einer lernerorientierten Lehrkompetenz darstellen. Seit der Antike sind Didaktik und Rhetorik eng miteinander verbunden. Und das Wissenschaftsverständnis der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung beruht auf der Einheit von Können/Praxis – Wissen/Theorie und – Lehre/Didaktik.

    Das Programm, das von Fachkolleginnen und Fachkollegen der DGSS nach dem neuesten wissenschaftlichen Stand von Sprechwissenschaft und Sprechdidaktik durchgeführt wird, umfasst folgende Modulteile:

    • Rhetorik und Präsentationstechnik (2 Tage)
      Das zentrale Problem bei Vorlesungen in der Hochschullehre ist das ausgewogene Verhältnis von Inhaltsgenauigkeit/Fachsystematik und motivierendem Publikumsbezug, der das aktive Mitdenken, Hörverstehen und Behalten/Lernen erleichtert. In diesem Seminar lernen die Teilnehmer/-innen, wie sie Inhalte motivierend und verständlich vermitteln können. Dazu bedienen sie sich der Erkenntnisse aus der Kooperativen Rhetorik und der Informationspsychologie. Sie erleben, wie spannende Fragestellungen, überzeugende Argumentation und zielgruppenspezifische Intentionalität engagierte Zielsetzungen unterstützen. Sie erproben verschiedene Medien und gewinnen Souveränität durch Video-Feedback und persönliche Tipps zur Verbesserung ihrer rhetorischen Wirkung. Durch die Koordination von mediengestützter Präsentation und freiem Sprechen entwickeln sie einen hörerbezogenen Vortragsstil.

    • Frei und lebendig vortragen: Grundlagen des Sprechens (1 Tag)
      Körper-, Stimm- und Sprechausdruck machen einen Großteil der rhetorischen Wirkung jeder Lehrperson aus. Als analoge Kommunikationsqualitätenbestimmen sie Sympathie und Glaubwürdigkeit, und damit das Lernklima. aber auch die Verstehbarkeit und die Verständlichkeit der Fachinhalte. Die Sprechweise gliedert Lerninhalte in nachvollziehbare Sinnschritte und gestaltet sie lebendig. In diesem Seminar erproben die Teilnehmer/-innen ihre leibhaften Grundlagen des Sprechens: Atmung, Stimme, Körper- und Sprechausdruck. Sie erfahren Hinweise, wie sie ihre Stimme ökonomisch und atemrhythmisch angepasst einsetzen, ihre Resonanz verbessern, deutlich artikulieren, ihr Sprechtempo sinnbezogen gestalten und Betonung und Melodieführung angemessen variieren können, um die gemeinsame Sinnkonstituierung zu unterstützen.

    • Gespräche: Organisieren, Moderieren und Beraten (2 Tage)
      Lernen vollzieht sich im Gespräch. Dabei geht es nicht um die Vermittlung von Fakten, sondern um die gemeinsame Konstitution von Sinn in der konkreten Situation. Wie gestaltet man einen solchen Gesprächsprozess? Um möglichst viele Lerner zu aktivieren, muss man ihnen die Möglichkeit zur aktiven Teilnahme an der Erarbeitung der Themen und am Gespräch ermöglichen. Dazu gibt es eine Vielzahl von Methoden aus dem Gruppenunterricht. Worauf muss man bei der Organisation von Gesprächsgruppen an der Hochschule achten? Wie moderiert man den Austausch von (Groß-) Gruppen? Welche Möglichkeiten bietet die Moderationsmethode für gemeinsame Lernprozesse? Wie berät man die Teilnehmer bei ihren Gruppenarbeiten und hinsichtlich ihrer persönlichen Entwicklung? Durch welche Spezifika ist ein Beratungsgespräch charakterisiert? Dazu erhalten die Teilnehmer/innen in diesem Seminar ein Methodenrepertoire und persönliche Feedbacks zu ihrer Art der Gesprächsführung.

    Dieses DGSS-Rhetorik-Zertifikat kann einen wesentlichen Beitrag zur Professionalisierung der Lehre leisten. Es könnte auf zwei Weisen an den Hochschulen/Universitäten implementiert werden:

    1. Diese Inhalte werden als Modul von den an den meisten Einrichtungen bereits vorhandenen hochschuldidaktischen Kompetenzzentren für alle Lehrenden offen angeboten. Das Zertifikat – im Sinne eines Qualitätsmanagements – wird nach Teilnahme an allen Einheiten vergeben.

    2. Diese Inhalte werden obligatorischer Bestandteil der Promotionsstudiengänge und/oder Promotionskollegs der Universitäten/Hochschulen, also ein einzubringendes Modul in der Promotionsphase.

  3. Coaching
    Professorinnen und Professoren mit einer Erstberufung erhalten über ein Semester ein persönliches Coaching, das ihnen Lehrunterstützung bietet. Das könnte auch über die hochschuldidaktischen Kompetenzzentren organisiert werden. Ein derartiges Coaching ermöglicht ein zeitnahes, direktes und individuelles Feedback zu allen Lehrformen der Betreffenden.

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